Die vier Fertigkeiten

Im modernen Fremdsprachenunterricht wird zwischen vier Fertigkeiten im Sprachgebrauch unterschieden: Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben.

Hören und Lesen sind rezeptiv, das heißt, die Lernenden sind die Empfänger. Beim Sprechen und Schreiben sind sie die Produzenten.

                 rezeptiv                      produktiv
   mündlich/akustisch                      Hören                      Sprechen
   schriftlich/graphisch                       Lesen                      Schreiben

Die fünfte Fertigkeit? Übersetzen

Gelegentlich wird auch die Fähigkeit, Texte zwischen zwei Sprachen zu übersetzen, als eine der essentiellen Fertigkeiten angesehen. In unserem Fall können wir diese Fertigkeit aber getrost ignorieren.

Die wichtigste Fertigkeit

Nun, welche Fertigkeit ist denn nun die wichtigste? Welche sollten Menschen, die neu in Deutschland sind, am schnellsten beherrschen?

Wie immer gibt es hier keine klare Antwort – alle vier Fertigkeiten sind wichtig für Alltagssituationen:

Die Lernenden…

  • stellen sich selbst vor, fragen nach dem Weg oder anderen Informationen (sprechen)
  • hören die Antworten auf ihre Fragen und
  • lesen Dokumente und Busfahrpläne
  • schreiben Notizen und füllen Formulare aus

Grundsätzlich gilt: Der Unterricht soll so praxisnah wie möglich gehalten werden. Welche Situationen begegnen den AsylbewerberInnen in ihrem Alltag? Welche Fertigkeiten brauchen sie, um diese Situationen bewältigen zu können? Im Zweifelsfall sollte der Fokus im Unterricht eher auf den mündlichen als auf den schriftlichen Kompetenzen liegen.

Die vier Fertigkeiten im DaF-Unterricht üben

Moderne Lehrwerke sollten bereits viele Anlässe zum Sprechen, Hören, Lesen und Schreiben beinhalten. Die Lehrkraft kann diese mit selbst entwickelten oder aus anderen Lehrwerken entnommenen Übungen ergänzen.

Idealerweise werden die vier Fertigkeiten nicht isoliert, sondern in Verbindung miteinander geübt. So kann man zum Beispiel einen Dialog auf CD hören, anschließend das Transkript lesen (Einzelarbeit), mit einem Partner oder im Plenum darüber sprechen und schließlich den Dialog weiterschreiben.

Problemkind Schreiben

Das Schreiben ist in der Regel diejenige Fertigkeit, die den Lernenden am schwersten fällt: Sie müssen sich nicht nur inhaltlich überlegen, was sie wie aufschreiben wollen, sondern auch die Grammatik, Zeichensetzung und Rechtschreibung beachten. Im Gegensatz zum Sprechen, wo Fehler nicht so sehr „ins Gewicht fallen“, sind sie beim Schreiben fixiert. Die Lernenden befürchten die Korrektur durch die Lehrkraft. Wer bekommt schon gerne seinen Text voller roter Fehlermarkierungen und Anmerkungen zurück?! Ein zusätzliches Problem beim Schreiben sind Unterbrechungen, die entstehen, wenn Wörter oder Grammatikregeln nachgeschlagen werden.

Ich empfehle, (umfangreichere) Schreibaufgaben nicht in die Unterrichtszeit einzuplanen, sondern sie lieber als Hausaufgabe aufzugeben, so dass die Lernenden das Schreiben ohne Druck üben können.

Merke: Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben sind die vier sprachlichen Grundfertigkeiten. Im DaF-Unterricht sollten sie in möglichst alltagsnahen und realistischen Kontexten geübt werden. AnfängerInnen und Ungeübten fällt die mündliche Kommunikation einfacher als die schriftliche.

3 Kommentare

  1. Klar, alles ist wichtig, aber ich meine aufgrund eigener Auslandserfahrung oder auch nur des Surfens auf ausländischen Websites schon, dass bzgl. dieser Grundfertigkeiten priorisiert werden sollte:

    a) Rezeption ist m.E. wichtiger als Produktion. Wer keine Schilder (z.B. „Ausgang“) lesen, Durchsagen nicht ansatzweise verstehen oder den Sinn von Websites nicht grob erfassen kann, ist hoffnungslos aufgeschmissen.

    b) Sprechen ist zumindest für diejenigen, die einigermaßen Englisch können, weniger problematisch, denn in Deutschland findet man – wenn auch vielleicht erst im zweiten Anlauf – immer jemanden, der auf Englisch weiterhelfen kann.

    c) Schreiben ist in der Tat die unwichtigste der wichtigen Fähigkeiten. Dennoch sollte zumindest der transkribierte Name und die Wohnadresse geschrieben werden können.

    • Hallo Michael, danke für deinen Kommentar.
      Für die Erstorientierung gebe ich dir Recht – da ist Rezeption auf jeden Fall wichtiger als die Produktion. Auf lange Sicht sollte man die Produktion aber nicht vernachlässigen. Man denke nur an Chinesen oder Japaner, die traditionell Englisch im Frontalunterricht gelernt haben, die Grammatik super beherrschen, aber beim Sprechen total hinterherkhinken. Jahrelang in der Uni gesehen ;)
      Mit Englisch kommt man in Ballungsgebieten weiter, das stimmt auch, aber man kann leider nicht davon ausgehen, dass alle hier ankommenden Geflüchteten Englisch sprechen und in einer entsprechenden Umgebung landen.
      Bei c bin ich ganz bei dir – das Ausfüllen von Formularen sollte auf jeden Fall frühzeitig geübt werden.
      Viele Grüße, Kato

  2. Ich denke, für die Übung von Alltagssituationen sind sowohl ausgedruckte Materialien als auch Online-Materialien wichtig.
    Fahrpläne beispielsweise schauen viele Menschen bereits in der App des Verkehrsbetriebs nach.
    Wie denkst du darüber?
    Arbeitet ihr nur mit Papier? Geht ihr als Rollenspiel oder als Exkursion bestimmte Alltagssituationen an? Bringt jeder sein Smartphone mit und ihr geht auch alltägliche Situationen in der digitalen Welt durch?

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