Warum ich ungern Webseiten oder Apps zum Selbstlernen empfehle

„Mein Schüler A. ist sehr fleißig und würde gern außerhalb unseres Unterrichts selbstständig weiterlernen – kannst du eine Webseite oder App dafür empfehlen?“

Solche oder ähnliche Fragen habe ich schon zuhauf bekommen, und ich sehe sie auch oft, wenn ich in Facebook-Gruppen wie „Materialsammlung DaF/DaZ: Flüchtlingshilfe konkret!“ unterwegs bin.

Selbstverständlich gibt es im Netz ein großes Angebot an kostenlosen Apps und Webseiten mit Arbeitsblättern oder Online-Übungen. Also ist es doch eine gute Idee, fleißigen Lernerinnen und Lernern ein paar Tipps zum eigenständigen Lernen zu geben?

In der Theorie eine gute Idee. Allerdings fällt es mir schwer, Empfehlungen zu geben – aus diesen Gründen:

Das erste und offensichtliche Problem: Jeder kann Material ins Netz stellen.

Man kann heutzutage mit wenigen Klicks und ohne IT-Kenntnisse Dinge im Internet publizieren. Kostenlose Blog- oder Webseitenservices wie WordPress.com, Jimdo oder Social Media (z.B. Facebookseiten) können von jedermann bedient werden. Selbst Apps zu erstellen und in die verschiedenen App-Stores zu bringen ist kein Hexenwerk mehr.

Durch diese niedrige Hemmschwelle besteht die Chance, dass viele gute Materialien im Internet landen – aber auch ebenso viele schlechte, denn niemand prüft die Inhalte und ihre Qualität.

Einige Übungen aus dem Netz sind also qualitativ schlecht und enthalten Fehler oder sind zwar inhaltlich richtig, doch didaktisch schlecht aufbereitet.

 

Weitere Problemquellen

Selbst wenn die Materialien keine Fehler enthalten, heißt das nicht, dass sie zum Selbstlernen geeignet sind.

Hier sind einige Gründe, weshalb Materialien aus dem Netz oft nicht passend sind:

  • Übungen sind zu schwierig für das Niveau
  • Übungen/Erklärungen benutzen andere metasprachliche Begriffe, z.B. „Begleiter“ statt „Artikel“ etc.
  • Übungen verknüpfen Thema und Grammatik anders als bekannt
  • Übungen enthalten Dialekt, Umgangs- oder Fachsprache (z.B. „Semmel“ statt „Brötchen“)
  • Übungen werden nicht ausreichend erklärt

 

Auf den Kontext kommt es an

Wie so oft im Leben kommt es auf die Rahmenbedingungen an. Pauschal zu sagen, dass die Webseiten/Apps X und Y gut und Z schlecht sind, wäre zwar bequem, doch damit macht man es sich zu einfach.

Manche Seiten liefern gute Ideen, die man dann abgewandelt im eigenen Unterricht benutzen kann; aber zum selbstständigen Lernen eignen sie sich auf keinen Fall.

Andere Apps oder Seiten sind prinzipiell total super, passen jedoch einfach vom Niveau oder der Lernmethode her nicht zur der Lernerin oder dem Lerner.

Es ist schwierig, den Überblick zu behalten und die Eignung für den eigenen Kurs zu bewerten – das ist schon für ausgebildete LehrerInnen nicht einfach und für Laien erst recht nicht!

 

Mögliche „Gefahren“ oder Folgen:

Was kann denn nun passieren, wenn eine fleißige Person in ihrer Freizeit eine „ungeeignete“ App nutzt, um selbstständig weiter zu lernen?

Nunja, im besten Fall wird sie einfach keinen Lernfortschritt machen. Im schlechtesten Fall schadet es dem Lernen.

Wenn man sich Lernen als eine Kurve vorstellt, denkt man wahrscheinlich an eine Linie, die mal mehr und mal weniger steil nach oben geht. Dabei kann der Lernfortschritt auch Plateaus erreichen oder temporär zurückgehen.

 

Diese Folgen können eintreffen, wenn Lernende auf eigene Faust mit ungeeigneten Materialien weiterlernen:

  • die Lernenden fühlen sich „dumm“ und verlieren das Vertrauen in ihr bisher gesammeltes Wissen
  • die Lernenden sind demotiviert: „Das ist so schwierig! Das schaff‘ ich nie!“
  • die Lernenden übernehmen Fehler, da ihnen das Feedback fehlt
  • die Lernenden sind verwirrt, weil sie unterschiedliche Formen kennen gelernt haben
  • die Lernenden verlieren das Vertrauen in die Lehrkraft: „Im Internet steht das anders – wer hat denn jetzt Recht?!“

Puh, eine ganz schöne Liste mit potentiellen negativen Folgen.

Sollte man also seinen Lernenden komplett davon abraten, ergänzende Übungen zu machen?

Nein, aber man sollte sorgfältig nach passenden Übungen suchen!

Passende Übungen finden

  • Was kann diese Person schon? (Grammatik, Wortschatz, Redemittel usw.)
  • Was sind ihre Stärken und Schwächen?
  • Was muss sie wiederholen – und: ist es möglich, das überhaupt selbstständig zu wiederholen?
  • Ist diese Person überhaupt der Typ fürs selbstständige Lernen? (Lerntyp, Wissen über Lernstrategien)
  • Über welche Infrastruktur verfügt die Person? (Smartphone/Laptop? Stabiler Internetzugang? WLAN? Ist die Webseite responsive? etc.)
  • Handelt es sich um eine App oder Online-Übung, die eine selbstständige Kontrollmöglichkeit bietet (z.B. Online-Übungen vom Schubert Verlag) oder um „analoge“ Techniken wie Arbeitsblätter, die dann von einer kompetenten Person korrigiert werden sollte?

Mein Rat: Wenn ihr Lernende kennt, die sich zusätzliche Übungen wünschen, dann solltet ihr diese Fragen gemeinsam abklopfen und schauen, ob ihr ein passendes Angebot findet.

Wenn ihr andere LehrerInnen nach Empfehlungen oder Hilfe fragt (z.B. in den DaF-Facebookgruppen), schreibt bitte möglichst viele Infos zu den Lernenden dazu.

Titelbild: unsplash (CC0)

1 Kommentare

  1. Häufig höre ich von der erfolgreichen Unterstützung des Unterrichts durch Smartphones, insbesondere als Übersetzungshilfe, teilweise auch für Recherchezwecke. Wie weit werden bei dir Smartphones eingesetzt?

    Begeisterung höre ich auch öfters zu der Theorie eines begleiteten, selbständigen Lernens am Computer/Tablet. Gedanke ist: Lernende werden vom Computer durch die Übungen, evtl. mit Selbstkontrolle geführt. Währenddessen hat der Lehrende Zeit sich auf die individuellen Fragen und Anforderungen Einzelner zu konzentrieren. Wie denkst du hierüber?

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