Frage & Antwort, Teil 5: Alphabetisierung und Zweitschrifterwerb

Frage:

Hallo Kato,

eine tolle Seite hast du. Ich möchte Flüchtlinge in einer Notunterkunft in meinem Stadtteil die deutsche Sprache näher bringen. Es handelt sich fast ausschließlich um Leute aus dem arabischen Raum. Bisher gehe ich zweimal in der Woche mit einem Bewohner joggen. Wir verständigen uns eigentlich nur mit Händen und Füßen, da er nur Arabisch und Farsi spricht.  Ihm ein paar deutsche Wörter beizubringen ist nicht das Problem, aber um richtig zu lernen muss das lateinische bekannt sein, oder sehe ich das falsch. Ich habe schon einige Seiten mit deutschen Vokabeln und entsprechenden Bildern vorbereitet. Allerdings ist mir rätselhaft, wie jemand damit etwas anfangen soll, der unser Alphabet nicht kennt.  Weißt du, wie ich am besten vorgehen kann um nicht nur mündlich mit den Leuten zu arbeiten?

Viele Grüße, Thomas

 

Antwort:

Lieber Thomas,

vielen Dank für deine Mail und dein Engagement in deinem Stadtteil!

Du hast Recht, um „richtig“ Deutsch zu lernen, müssen die Neuankömmlinge das lateinische Alphabet ebenfalls erlernen. (Klar, theoretisch kann man eine Sprache ausschließlich mündlich lernen/ nutzen, aber das bringt den Geflüchteten ja herzlich wenig im Alltag, wenn sie zum Beispiel Formulare ausfüllen müssen.)

Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen nennt man Alphabetisierung. Unter diesem Schlagwort gibt es verschiedene Kursbücher und Materialien im Handel. Alphabetisierung braucht Zeit! Wenn ihr in eurem Stadtteil Deutschkurse oder andere Sprachlernangebote für die Flüchtlinge anbietet, solltet ihr auf jeden Fall verschiedene Gruppen bilden, je nach Kenntnisstand.

Bei den Menschen, die noch gar nicht schreiben gelernt haben (auch nicht in ihrer Muttersprache; auch wenn sie diese mündlich gut beherrschen), muss man bei den Basics anfangen – Stift halten, Linien und Kurven malen, einzelne Buchstaben immer und immer wieder schreiben. Vielleicht erinnerst du dich ja noch, wie du in der ersten Klasse das Schreiben gelernt hast?  Mehr Infos zu den verschiedenen Arten von Analphabetismus findest du auf alphabetisierung.de.

Dann gibt es natürlich auch Geflüchtete, die das Schreiben schon gelernt haben, aber in ihrer Muttersprache auf ein anderes Alphabet zurückgreifen. Diese Menschen nennt man Zweitschriftlerner. Das „Konzept“ der Schrift ist ihnen schon geläufig und es liegt nahe, dass das Erlernen der lateinischen Schrift bei ihnen schneller geht als bei den primären Analphabeten. Aber natürlich ist das Lernen ein ganz individueller Prozess und viele andere Faktoren beeinflussen den Lernerfolg.

Ich persönlich habe noch nie einen Alphabetisierungskurs unterrichtet, deshalb kann ich keine Empfehlungen aus persönlicher Erfahrung heraus geben – meine Kollegin war jedoch mit der „Schritte Plus Alpha“-Reihe (Hueber Verlag) sehr zufrieden. Auch von anderen Verlagen gibt es Alphabetisierungslehrwerke, zum Beispiel:

(Kein Anspruch auf Vollständigkeit – für mehr Hinweise auf Materialien siehe auch die Liste der zugelassenen Lehrwerke in Integrationskurse des BAMF)

Ehrlich gesagt würde ich mir an deiner Stelle einfach eines dieser Bücher besorgen und es mit deinem Bekannten zusammen durcharbeiten – eigene Materialien und Arbeitsblätter zu erstellen, kostet zum einen viel Zeit und Nerven und zum anderen erfordert es didaktisches Wissen zum Spracherwerb. Ich denke, das ist für dich und die anderen Ehrenamtlichen die praktischste Lösung.

Viele Grüße, Kato

In der Reihe Frage & Antwort veröffentliche ich Antworten auf die Fragen, die mich per Mail oder Kommentar erreichen, und auch für andere LeserInnen interessant sein könnten. Wenn du auch eine Frage hast, schreib mir
Titelbild: StockSnap via Pixabay.com (CC0)

3 Kommentare

  1. Liebe Kato,

    ich bin etwas konsterniert über deinen Tipp, einfach mal so mit einem Lehrwerk anzufangen und es mit einem Geflüchteten durchzuarbeiten.
    Von welchem fachlichen Hintergrund aus gibst du Ratschläge? Bist du Profi mit DaF-Kompetenzen und -Zertikat?

    Ich erlebe als zertifizierter DaF-Lehrer, der auch schon alphabetisiert hat, laufend die problematischen Folgen unprofessioneller Alphabetisierung.
    Die Alphabetisierung (Erst- und Zweitschrifterwerb) gehört ausschließlich in die Hände von Profis mit „Alpha-Kompetenzen“. Und davon gibt es genug. Man müsste nur mal bei pensionierten Grundschullehrkräften mit Alphabetisierungserfahrungen und -kompetenzen nachfragen.
    Der Alphabetisierungsbedarf wird übrigens von allen Seiten unterschätzt – von der Politik, dem BAMF, den Kursanbietern, den ehrenamt. Helfern und den Geflüchteten. Weit über der 30 % der Geflüchteten haben hier Bedarf, mglw. sogar 50 %. Viele haben – auich die Ehrenamtlichen – nicht „auf dem Schirm“.
    Und das wird sich ebenso rächen wie das unprofessionelle Alphabetieren.

    Es grüßt
    Jens Koch

    • Hallo Jens, danke für deinen Kommentar.

      Von welchem fachlichen Hintergrund aus gibst du Ratschläge? Bist du Profi mit DaF-Kompetenzen und -Zertikat?

      Ja.

      ich bin etwas konsterniert über deinen Tipp, einfach mal so mit einem Lehrwerk anzufangen und es mit einem Geflüchteten durchzuarbeiten. (…) Die Alphabetisierung (Erst- und Zweitschrifterwerb) gehört ausschließlich in die Hände von Profis mit „Alpha-Kompetenzen“.

      Ich bin prinzipiell total deiner Meinung, dass Alphabetisierung durch Menschen geschehen sollte, die dafür ausgebildet sind. Es wäre toll, wenn jede/r mit so einem Profi Deutsch lernen könnte.
      Allerdings ist das nicht realistisch. Soweit ich weiß, wurden von diversen Bundesländer pensionierte Lehrerinnen und Lehrer aus dem Ruhestand zurückgeholt. Beachte aber bitte, dass jemand, der Kindern mit der Muttersprache Deutsch das Lesen und Schreiben beibringen kann, das nicht automatisch auch sehr gut mit Geflüchteten kann. (Stichworte: DaZ vs. DaM; Interkulturelle Kompetenz; lang zurückliegende Ausbildung; Medienkompetenz usw.) Diese Lehrkräfte wollen ebenfalls bezahlt werden. Für den Bedarf an ’normalen‘ Schulen (-> schulpflichtige Kinder und Jugendliche) und in Alpha-Integrationskursen (-> anerkannte Flüchtlinge + die, die dank Sonderregelung vorzeitig die I-Kurse besuchen dürfen) können diese Lehrkräfte hilfreich sein.

      Aber was ist mit den Geflüchteten, die den Integrationskurs nicht besuchen dürfen oder wochenlang auf einen Platz warten müssen?
      Die bleiben in den Händen von Ehrenamtlichen. Und diesen wiederum rate ich lieber, ein Buch durchzuarbeiten (zumal die Bücher auch Hinweise für Lehrkräfte enthalten), als mit irgendwelchen zufällig zusammengestellten Arbeitsblättern zu arbeiten oder möglicherweise ganz ohne Plan und nur nach Bauchgefühl zu arbeiten.
      Ich hoffe, du verstehst meine Intention hinter diesem Post jetzt besser.
      Viele Grüße, Kato

  2. Okay!

    Schritte plus Alpha 1-3 ist für Laien empfehlenswert. Lehrerhinweise (im Netz) beachten!
    Allerdings sollte man auch penibel auf das Schreiben achten (Hefte und Blöcke Liniatur 1 – 3!!). Das erfordert sehr viel Geduld, konsequente Korrektur und viel Training. Hier sind auch Diktate sehr wichtig.
    Der Gesamtprozess (incl. Vorkurs als 4. Buch) dauert bei ca. 16 Unterrichtsstunden pro Woche (Mindestzahl) plus Hausaufgaben (sehr wichtig) ca. 1 Jahr. Je nach Lerngruppe.
    Erstalpabetisierung am besten in einer Extragruppe.
    In dieser Phase wird lautiert, nicht buchstabiert. Leider gibt es kaum gute Lauttabellen. Ich arbeite mit einer eigenen.
    Nach der Alphabetisierung sollte man dann langsam mit „normalen“ Büchern (Schritte plus 1, 2,3…) weiterarbeiten. Die Alpabetisierten werden langsamer lernen als die anderen.
    Leider wird der Alpha-Bedarf in Integrationskursen unterschätzt. Ökonomische Gründe? Ein großer Teil der Aufgenommenen gehört in einen Alpha-Kurs oder hat noch erheblichen Schulungsbedarf (Lese- und Schreibkompetenz). Bis zu 50 % können dem vorgesehenen Tempo eines Integrationskurses (A1 – B1) nicht folgen. Gelegentlich sind es sogar mehr.

    Von Geflüchteten, Helfern, Anbietern und Staat wird der Alpha-Bedarf immer noch unterschätzt. Ignoranz? Unwissen? Methode?

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